Eine Stunde bei den Strandfischern von Kerala – über gemeinsamen Rhythmus, einen rätselhaften Ton im Meer und die Hoffnung auf einen Fang, der immer seltener gelingt.
Die Kamera ist bereit. Mein Blick noch nicht.
Am Strand beginnt der Arbeitstag lange bevor ich begreife, was hier eigentlich geschieht.
Zwei Gruppen von Männern stehen weit voneinander entfernt im Sand. Einige tragen Tücher um den Kopf, andere haben ihre Hemden ausgezogen. In ihren Händen liegen dicke Leinen. Draußen kämpft sich ein kleines Holzboot durch die Brandung. Dazwischen sehe ich zunächst nur Meer.
Die Kamera ist längst bereit. Mein Blick noch nicht.
Erst als ich länger stehen bleibe, erkenne ich die Verbindung. Eine der Leinen führt hinaus ins Wasser. Dort ist das Netz bereits unterwegs.
Ein Ende bleibt am Strand, während das Boot hinausfährt und die Strandwade in einem weiten Bogen auslegt. Schwimmer markieren die obere Kante, Gewichte ziehen das Netz nach unten. Was vom Ufer kaum zu erkennen ist, bildet draußen langsam einen großen Fangraum.
Diese traditionelle Form der Fischerei wird im Süden Keralas als Karamadi oder Kambavala beschrieben. Das Prinzip ist seit Generationen nahezu gleich: Ein Boot legt das Netz halbkreisförmig vor der Küste aus. Anschließend ziehen zwei Gruppen die langen Leinen vom Strand aus gleichzeitig ein.
So einfach sieht es aus.
Ein paar Schritte zurück. Neu greifen. Ziehen. Ablegen.
Der Strand gibt den Takt vor
Dann beginnt die Arbeit.
Ein paar Schritte zurück. Die Leine in den Sand legen. Wieder nach vorne gehen. Neu greifen. Ziehen. Ablegen. Zurückgehen.
Der Strand gibt den Takt vor.
Es gibt kein Kommando, das ich verstehen könnte. Trotzdem bewegt sich die Gruppe wie ein gemeinsamer Körper. Jeder kennt seinen Platz. Jeder weiß, wann er zugreifen muss. Manche Männer ziehen nur mit den Händen, andere legen die Leine über Schulter oder Hüfte und stemmen sich mit ihrem ganzen Gewicht dagegen.
Ich gehe mit der Kamera zwischen ihnen hin und her. Nach einigen Minuten wiederholen sich die Bewegungen. Nach einer halben Stunde glaube ich, den Ablauf verstanden zu haben. Nach einer Stunde merke ich, wie viel mir noch entgeht.
Denn an diesem Morgen stehen zusätzlich Männer im Wasser.
Einige bis zur Hüfte, andere deutlich tiefer. Zwischen den Wellen tauchen ihre Köpfe auf und verschwinden wieder. Sie halten die Linie des Netzes, bewegen sich mit der Brandung und versuchen, den sich schließenden Halbkreis zu kontrollieren.
Dann höre ich diesen Ton.
Lang gezogen. Gleichmäßig. Immer wieder derselbe Ruf.
Von Land aus klingt er fast unscheinbar, kaum stärker als die Brandung. Die Fischer erklären mir, dass er unter Wasser wesentlich intensiver zu hören sei. Der Klang und die Bewegungen der Männer sollen die Fische im umschlossenen Bereich halten und in Richtung des Netzes treiben.
Ob die Fische tatsächlich so reagieren, kann ich hier am Strand nicht überprüfen. Doch plötzlich verändert der Ton meine Wahrnehmung der ganzen Szene. Er gehört zu diesem Zusammenspiel aus Erfahrung, Kraft und Rhythmus.
Draußen das Netz. Im Wasser die Männer. Am Strand die beiden Gruppen. Dazwischen ein Ton, der durch die Wellen zieht.
Meter für Meter wird der große Bogen kleiner.
Erst kurz vor dem Ende kommen beide Gruppen näher zusammen. Das Netz taucht in der Brandung auf, schwer vom Wasser und von allem, was darin liegt. Hände greifen in die nassen Maschen. Drei Männer stemmen sich gegen eine Welle und ziehen das Netz auf den Strand.
Jetzt wird sichtbar, worauf alle gewartet haben.
Zwischen den Falten liegen kleine silberne Fische. Dazwischen unzählige Quallen, durchsichtig, bernsteinfarben und violett. Auch Verpackungsreste hat das Meer mitgebracht. Die Männer steigen in das ausgebreitete Netz, sortieren den Fang und füllen ihn in schwarze Kunststoffkörbe.
Der Ertrag wirkt klein im Verhältnis zu dieser Stunde Arbeit.
Ein größerer Fisch liegt zwischen einer Handvoll winziger Exemplare in einem Korb. Rundherum stehen die Männer, schauen, greifen zu, sortieren weiter. Niemand feiert. Niemand beklagt sich laut. Der Fang wird verteilt, das Netz geordnet, die Leinen werden für den nächsten Einsatz vorbereitet.
Der zweite Blick
Am Horizont ziehen die großen Schiffe vorbei.
Die Fischer erzählen, dass ihre Netze immer häufiger nur schwach gefüllt zurückkommen. Wenn sie nach draußen zeigen, sehe ich am Horizont die riesigen Containerschiffe.
Eines davon wirkt selbst aus großer Entfernung gewaltig. Ein dunkler Rumpf, darauf gestapelte Container, davor die weiße Linie der Brandung. Im selben Bild stehen die kleinen Boote der Fischer am Strand.
Es ist dieser zweite Blick, der die Dimensionen sichtbar macht.
Der Tiefwasserhafen von Vizhinjam liegt nur wenige Kilometer weiter nördlich. Seit Ende 2024 läuft dort der kommerzielle Betrieb. Der Hafen liegt dicht an einer der großen internationalen Ost-West-Schifffahrtsrouten und soll Kerala enger mit dem Welthandel verbinden.
Für die Fischer bekommt diese Entwicklung eine andere Bedeutung. Sie sprechen von der Fahrstraße der großen Schiffe, von Gebieten, die sie mit ihren kleinen Booten meiden müssen, und von Motoren, deren Geräusche weit durch das Wasser tragen.
Hoffnung.
Nach ihrer Wahrnehmung vertreibt der Unterwasserlärm die Fische aus den traditionellen Fangplätzen. Dass genau dieser Lärm den geringen Fang an diesem Morgen verursacht hat, lässt sich nicht belegen. Veränderungen der Fischbestände haben viele mögliche Gründe.
Erwiesen ist jedoch, dass der Schiffsverkehr nahe der westindischen Küste schon seit Jahren zunimmt und sich die Wege großer Handelsschiffe und kleiner Fischerboote immer stärker berühren. Auch wissenschaftliche Untersuchungen zum Hafen von Vizhinjam beschreiben tiefgreifende Folgen für Küstenräume und die Lebensgrundlagen örtlicher Fischergemeinschaften.
Am Strand braucht es dafür keine großen Worte.
Hier stehen Männer, die seit einer Stunde gemeinsam an zwei Leinen ziehen. Draußen passieren Schiffe, auf denen Tausende Container Platz finden. Dazwischen liegt ein Netz mit einigen kleinen Fischen, vielen Quallen und Resten aus Plastik.
Ich bin mit der Kamera gekommen, um eine traditionelle Fischereitechnik zu dokumentieren. Anfangs fotografiere ich die Kraft der Männer, ihre Hände, die nassen Körper im Gegenlicht und das Netz in der Brandung.
Am Ende erzählt die Geschichte von etwas anderem. Von einer Arbeit, deren Ergebnis bis zum letzten Meter unsichtbar bleibt. Von Wissen, das über Generationen weitergegeben wurde. Von Männern, die gemeinsam ziehen, obwohl keiner von ihnen weiß, was sie am Ende an Land holen werden.
Am nächsten Morgen beginnt alles von vorn.
Das Boot hinaus. Das Netz ins Meer. Die Leinen in die Hände.
Was ihnen bleibt, lässt sich kaum fotografieren.
Hoffnung.








