Von Perl über Lothringen bis in die Vogesen und zurück – drei Tage auf kleinen Straßen, Feldwegen und Teilen des Trans Euro Trail. Eine Reise, die als Motorradtour begann und am Ende deutlich mehr erzählt hat.

Es gibt Reisen, für die braucht es keinen großen Plan. Ein paar freie Tage, zwei Motorräder, einen aktuellen GPX-Track und jemanden, der weiß, wo es langgeht.

In unserem Fall war das Werner.

Startpunkt war Perl, ganz im Westen des Saarlands, dort, wo Deutschland, Luxemburg und Frankreich eng zusammenrücken. Von hier wollten wir dem Trans Euro Trail nach Süden folgen, zunächst mit Mulhouse als grober Richtung. Wie weit wir tatsächlich auf dem Track bleiben würden, war offen. Und das war gut so.

Der Trans Euro Trail, kurz TET, ist kein klassischer Motorradreiseweg und schon gar kein organisierter Offroad-Parcours. Er ist ein sich ständig veränderndes Netz aus kleinen Straßen und unbefestigten Wegen quer durch Europa. Mehr als 100.000 Kilometer umfasst dieses Netz inzwischen. Die GPX-Tracks werden von einer Community und ehrenamtlichen „Linesmen“ gepflegt und regelmäßig aktualisiert. Für Frankreich allein nennt TET aktuell 5.954 Kilometer. Trans Euro Trail

Wir hatten den aktuellen Track dabei. Werner auf seiner GASGAS und dem GPS, ich auf einer CFMOTO 450MT hinter ihm.

Tag 1 – Perl und Beton im Wald

Schon die ersten Kilometer machten deutlich, dass diese Reise zwei Ebenen bekommen würde.

Auf der einen Seite das Motorradfahren. Kleine Wege, Schotter, Feldpassagen, Dörfer, irgendwo abbiegen und sehen, was hinter dem nächsten Waldstück kommt.

Auf der anderen Seite diese Geschichte, die in dieser Region nicht in Museen eingeschlossen ist. Sie steht einfach am Weg.

Irgendwo zwischen Perl und unserem ersten Etappenziel tauchte mitten im Wald ein alter Betonbunker auf. Moos lag dick auf seinem Dach, Pflanzen wuchsen über die Wände und die Natur hatte längst begonnen, sich das Bauwerk zurückzuholen.

Eine dieser Situationen, in denen ich automatisch anhalte.

Nicht weil der Bunker besonders spektakulär aussieht. Sondern weil er einen kurz aus der Gegenwart herausnimmt.

Diese ganze Grenzregion zwischen Saarland, Lothringen und Elsass ist geprägt von Befestigungen, ehemaligen Frontlinien und den Folgen mehrerer deutsch-französischer Kriege. Auf der französischen Seite gehören dazu die Anlagen der Maginot-Linie, weiter nördlich und auf deutscher Seite stößt man auf Relikte des Westwalls.

Heute fährt man mit dem Motorrad durch diese Wälder.

Vor gut achtzig Jahren hatten dieselben Landschaften eine völlig andere Bedeutung.

Am Abend erreichten wir Bourgaltroff in Lothringen. Der erste Tag war damit beendet. Keine große Stadt, kein spektakuläres Ziel. Einfach ein Platz zum Schlafen mitten in einer Landschaft, durch die der TET weiter nach Süden führte.

Und am nächsten Morgen zeigte sie sich vollkommen anders.

Tag 2 – Goldener Morgen und ein langer Weg nach Süden

Als die Sonne über den Horizont kam, lagen noch feine Nebelfäden über den Wiesen.

Kuhweiden, lange Schatten, goldenes Licht und diese Ruhe, die es nur früh am Morgen gibt, bevor der Tag richtig angefangen hat.

Ein paar Meter entfernt wartete wieder der TET.

Also Motorrad an und weiter.

Anfangs waren wir konsequent auf dem Track unterwegs. Schotter, kleine Wege und lange Passagen durch offene landwirtschaftliche Flächen. Das funktioniert sehr gut – bis irgendwann die Erkenntnis kommt, dass ein GPX-Track kein Vertrag ist.

Der TET selbst beschreibt seine Route ausdrücklich als Vorschlag und weist darauf hin, aktuelle Sperrungen, Beschilderungen und die Situation vor Ort zu respektieren. Die Strecken werden regelmäßig angepasst. Trans Euro Trail

Und Reisen funktioniert für mich ähnlich.

Irgendwann entschieden wir uns, ein Stück Straße zu nehmen.

Nicht weil der TET keinen Spaß mehr machte. Die Strecke zog sich schlicht ziemlich weit durch Felder und offene Flächen, während südlich bereits die Vogesen warteten.

Die Entscheidung war richtig.

Je näher wir dem Elsass kamen, desto stärker veränderte sich die Landschaft. Die großen Flächen verschwanden, die Straßen wurden kurviger, der Wald dichter, die Berge höher.

Und spätestens dort zeigte die CFMOTO 450MT, weshalb sie für diese Tour eine richtig gute Wahl war.

Auf den unbefestigten TET-Passagen leicht und gut zu kontrollieren. Auf Schotter angenehm handlich. Gleichzeitig auf den kleinen französischen Landstraßen und in den Kurven der Vogesen erwachsen genug, dass keine Sekunde das Gefühl entsteht, mit einem Kompromiss unterwegs zu sein.

Ich mag Motorräder, die einem nicht ständig zeigen wollen, was sie alles können.

Die 450MT fährt einfach.

Und lässt mir dadurch mehr Zeit für das, was links und rechts der Straße passiert.

1.139 Meter – Col de la Schlucht

Irgendwann ging es immer weiter nach oben.

Unser Übergang über die Vogesen führte über den Col de la Schlucht. Der Pass liegt auf 1.139 Metern Höhe und verbindet die westliche Seite der Vogesen mit dem Elsass. Heute gehört er zu den bekannten Übergängen der Hochvogesen und liegt unmittelbar an der großen Vogesenkammregion.

Oben kurz anhalten.

Helm ab.

Schauen.

Dann auf der anderen Seite wieder hinunter.

Am Abend landeten wir in Munster.

Etwas mehr als 200 Kilometer, bei uns ungefähr 220, lagen hinter uns – TET, Asphalt, kleine französische Straßen, Schotter und schließlich die Vogesen.

Fotografisch war der Tag erstaunlich zurückhaltend gewesen. Keine riesige Bilderausbeute, keine Jagd nach Motiven.

Dafür ein sehr guter Motorradtage.

Und der endete so, wie ein Tag in Frankreich durchaus enden darf: im Restaurant La Place, mit einer Platte aus Wurst und Käse, regionalen Spezialitäten und einem Blanc-Bier.

Kein großes Finale.

Einfach sitzen, essen und feststellen, dass wir ziemlich viel richtig gemacht hatten.

Tag 3 – Der Rückweg, der keiner mehr war

Am dritten Tag ging es zurück.


Eigentlich hätte die Geschichte damit schnell erzählt sein können: Motorräder starten, Richtung Heimat fahren, fertig.

Doch gerade dieser letzte Tag ist mir stärker im Kopf geblieben als erwartet.

Die Strecke führte uns über den Col du Wettstein und vorbei am Lingekopf – Le Linge.

Heute ist das eine wunderschöne Gegend.

Wald. Kurven. Wanderwege. Berge.

1915 sah es hier vollkommen anders aus.

Die Schlacht am Lingekopf dauerte vom 20. Juli bis zum 16. Oktober 1915. Deutsche und französische Soldaten kämpften auf diesen Höhen um Stellungen und wenige Meter Gelände. Das heutige Mémorial du Linge spricht von mehr als 6.000 Männern, die ihre Familien nicht mehr wiedersahen. Schützengräben und Befestigungen sind bis heute in der Landschaft erhalten. Musée Mémorial du Linge

Und dann steht man dort mit einem Motorrad.

Ein paar Kilometer weiter kam der nächste Halt.

Deutscher Soldatenfriedhof Hohrod-Bärenstall.

Reihen von Kreuzen zwischen den Bäumen.

Dort liegen 2.460 deutsche Soldaten des Ersten Weltkriegs. 1.518 wurden in Einzelgräbern bestattet, weitere 942 in einem Gemeinschaftsgrab. Seit September 2023 gehört die Anlage zusammen mit weiteren Grab- und Erinnerungsstätten des Ersten Weltkriegs zum UNESCO-Welterbe. kriegsgraeberstaetten.volksbund.de

Da wird aus einer Motorradtour etwas anderes.

Ich habe an diesem Tag keinen Status mehr geschrieben.

Das hatte weniger mit fehlender Zeit zu tun.

Der Tag musste sich erst setzen.

Drei Tage später betrachtet

Wir waren unterwegs, weil wir Motorrad fahren wollten.

TET. Frankreich. Ein bisschen Offroad. Vogesen. Kurven.

Nicht mehr und nicht weniger.

Und daraus wurde eine Reise durch Landschaften, in denen europäische Geschichte noch sichtbar im Boden steckt.

Bunker verschwinden langsam unter Moos. Schützengräben wachsen zu. Auf ehemaligen Frontlinien verlaufen heute Wanderwege. Über Pässe, um die gekämpft wurde, fahren Motorräder, Fahrräder und Wohnmobile.

Das verändert den Blick auf eine Landschaft.

Am dritten Tag war außerdem der 7. Oktober.

Ein Datum, das in der deutschen Geschichte ebenfalls mit Teilung verbunden ist: Am 7. Oktober 1949 wurde die DDR gegründet. Vierzig Jahre später, am 7. Oktober 1989, demonstrierten Menschen in mehreren Städten gegen die politischen Verhältnisse; zwei Tage später folgte die große Leipziger Montagsdemonstration mit rund 70.000 Teilnehmern.

Und ich fuhr ausgerechnet an diesem 7. Oktober durch eine Region zurück, in der Grenzen früher verteidigt, verschoben und mit unvorstellbarem menschlichem Leid bezahlt wurden.

Heute bemerke ich die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland häufig nur noch daran, dass sich Straßenmarkierungen oder Ortsnamen verändern.

Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Was von dieser Tour bleibt

Drei Tage.

Zwei Motorräder.

Perl, Lothringen, der TET, Bourgaltroff, Col de la Schlucht, Munster, Col du Wettstein, Lingekopf und schließlich wieder Richtung Heimat.

Dazwischen Schotter, Asphalt, Nebel über den Wiesen, französische Dörfer, ein gutes Abendessen und einige Stellen, an denen es sinnvoll war, den Motor auszuschalten und ein paar Minuten einfach stehen zu bleiben.

Diese Orte müssen heute nichts mehr beweisen.

Sie liegen still zwischen Wald, Straßen und Bergen und erinnern daran, was hier einmal passiert ist.

Heute fahren wir über dieselben Pässe, ziehen Kurven durch die Vogesen, halten an, fotografieren, wandern durch die Wälder und überqueren Grenzen, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Diese Landschaft soll Geschichte bewahren – und Frieden bleiben.