Eine Motorradtour von Bönnigheim über Bingen, durch das Rheintal bis an die Mosel – und zurück auf den kleinen Straßen.
Eine Reise, die im Kopf beginnt
Es gibt Reisen, die beginnen mit Bildern im Kopf. Mit einer Fantasie, einer kleinen Ahnung, die sich irgendwann in Bewegung setzt und Wirklichkeit wird.
In der Nacht hatte es geregnet. Noch am Tag zuvor lagen die Temperaturen jenseits der dreißig Grad. Zu warm, um sich in Motorradjacke, Stiefel und Handschuhe zu werfen und stundenlang unter einem geschlossenen Helm zu sitzen.
An diesem Morgen war alles anders.
Kurz vor sieben ließ der Regen langsam nach. Die Luft hatte sich auf zwanzig Grad abgekühlt. Die Straßen waren noch feucht, über den Feldern hing träge der Dunst, und der Tag fühlte sich an, als hätte die Nacht die Landschaft eigens für diese Tour vorbereitet.
Ein Morgen zum Aufbrechen.
Die Rüstung des modernen Ritters
Vielleicht lag es an dem Buch, das ich gerade lese: „Das Lächeln der Fortuna“ von Rebecca Gablé.
Die Geschichte führt in das England des 14. Jahrhunderts und begleitet Robin of Waringham auf seinem Weg zurück in die Welt von Hof, Adel und Ritterschaft.
Während ich meine Motorradkleidung anzog, wurde in Gedanken aus der Jacke plötzlich eine Rüstung. Die Handschuhe wurden zu Panzerhandschuhen, der Helm zum Ritterhelm. Mit einem kurzen Klacken schloss sich das Visier vor meinem Gesicht.
Mein „Pferd“ wartete in der Garage.
Ich hatte es am Abend zuvor bereits versorgt und vollgetankt. Jetzt schob ich die Maschine hinaus, setzte mich in den Sattel und drückte den Starter.
Unter mir erwachten keine vier Beine. Es waren hundert Pferdestärken.
Der Motor vibrierte, die Maschine schien mit den Hufen zu scharren – bereit für einen langen Ausritt.
Das erste Zeichen am Weg
Die ersten Kilometer führten mich durch das Zabergäu.
Erst jetzt, in Güglingen, bemerkte ich Schloss Stocksberg .Es tauchte erst während der Fahrt im Dunst über den Häusern auf – wie ein erstes Zeichen dafür, dass sich die Fantasie dieses Morgens tatsächlich in der Landschaft fortsetzen würde.
Noch lagen die Dächer unter einem grauen Schleier.
Doch darüber stand bereits die Vergangenheit.
Ein Schloss im Nebel, ein Motorrad auf der Straße und dieses Gefühl, mit jedem Kilometer mehr aus der Gegenwart hinauszufahren.
Der Kodex der Motorradfahrer
Mein Ziel war Bingen.
Dort lebt Norbert, den ich während meiner Reise durch die französischen Pyrenäen kennengelernt hatte. Damals war ich auf dem Weg zum Start der Honda Adventure Roads und übernachtete in einem französischen Hotel.
Norbert war ebenfalls mit dem Motorrad unterwegs.
Wir aßen gemeinsam, verbrachten einen langen Abend miteinander und sprachen über Maschinen, Strecken und jene Form des Reisens, die man erst wirklich versteht, wenn man selbst viele Stunden im Sattel verbracht hat.
Am Ende tauschten wir unsere Adressen aus.
Unter Motorradfahrern gibt es eine besondere Verbundenheit.
Man grüßt sich auf der Straße, obwohl man einander noch nie zuvor gesehen hat. Eine kurze Bewegung mit der Hand, zwei ausgestreckte Finger – und dennoch steckt in diesem Zeichen erstaunlich viel.
Ich sehe dich. Ich weiß, warum du unterwegs bist. Komm gut an.
Manchmal erinnert mich das an einen alten Ritterkodex. Es geht weniger um geschriebene Regeln als um Haltung, Respekt und Anstand.
Wer am Straßenrand Hilfe braucht, wird gesehen. Wer dieselbe Leidenschaft teilt, gehört für einen Augenblick zur selben Gemeinschaft.
Manchmal bleibt es bei diesem kurzen Gruß. Hier entsteht daraus eine Geschichte.
Früher hätten sich Ritter vielleicht zu einem Turnier oder einer Tjost verabredet. Heute geht es um keinen Wettkampf und keinen Sieger.
Wir verabredeten uns zu einem gemeinsamen Ausritt – zur Jagd nach Kurven, Landschaften und Kilometern.
Wiedersehen in Bingen
Bei Norbert begann der gemeinsame Tag mit einem Kaffee.
Danach starteten wir die Motorräder und fuhren hinauf in die Wälder oberhalb des Rheins.
Die Wege waren noch feucht vom Regen. Unter dem dichten Blätterdach lag die Kühle der Nacht, und zwischen den Bäumen hing der letzte Dunst.
An einem Stamm entdeckte ich die magentafarbene Markierung des Welterbesteigs.
Wenig später öffnete sich der Wald.
Tief unter uns lag der Rhein, eingerahmt von steilen Hängen, Weinbergen, Wäldern und kleinen Orten.
Von oben wirkte der Fluss wie eine uralte Straße.
Eine Route, auf der seit Jahrhunderten Menschen, Waren und Geschichten unterwegs sind.
Das Tal der Burgen
Wir fuhren hinunter ans Rheinufer und folgten dem Fluss.
Bacharach, Kaub, Oberwesel und St. Goar lagen auf unserem Weg. Damit bewegten wir uns durch das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal, das sich über 67 Kilometer von Bingen und Rüdesheim bis Koblenz erstreckt. Burgen, alte Städte, Weinberge und die Loreley prägen diese einzigartige Kulturlandschaft.
In Bacharach drängten sich Bürgerhäuser und Fachwerk zwischen Hang, Bahnlinie und Rhein.
Die Stadtmauer wurde ab 1344 errichtet und um 1400 vollendet. Ihre Türme erinnern bis heute daran, dass Schutz, Handel und Macht am Rhein eng miteinander verbunden waren.
Die Häuser standen dicht an der Straße.
Manchmal so dicht, dass die Gegenwart nur noch als schmaler Asphaltstreifen zwischen den Jahrhunderten hindurchführte.
Dann erschien mitten im Rhein die Pfalzgrafenstein.
Sie wirkte wie ein steinernes Schiff, das dort vor Anker gegangen war und seitdem nicht mehr weitergezogen ist.
1327 ließ Ludwig der Bayer zunächst einen fünfeckigen Bergfried auf der kleinen Rheininsel errichten. Später entstand daraus die Zollburg, von der aus der Verkehr auf dem Rhein kontrolliert wurde. Über Kaub erhob sich zusätzlich Burg Gutenfels, die gemeinsam mit der Inselburg die Zollstelle sicherte.
Über Oberwesel stand die Schönburg.
Ihre Anfänge reichen in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts. Über Generationen wurde sie erweitert, bevor sie 1689 zerstört und später teilweise wiederaufgebaut wurde.
Burgen auf den Felsen.
Alte Türme am Wasser.
Weinberge, die sich in schmalen Terrassen an die Hänge klammerten.
Das Mittelalter war an diesem Tag kein fernes Kapitel in einem Buch. Es stand links und rechts unserer Straße.
Der Rhein zieht sich zurück
Und dann erzählte auch der Fluss selbst Geschichte.
Das Wasser hatte sich weit zurückgezogen.
Breite Kiesflächen lagen offen. Sandbänke und kleine Inseln erschienen mitten im Flussbett. Zwischen ihnen verliefen schmale, dunklere Wasserarme, während die Schiffe in der verbliebenen Fahrrinne weiterfuhren.
Am Pegel Kaub war der Rhein am Vortag, dem 31. Juli 2026, auf 25 Zentimeter gefallen. So tief, wie 2018
In der Fahrrinne standen bei Kaub zu diesem Zeitpunkt noch etwa 1,37 Meter zur Verfügung.
Nun lag der Rhein wieder vor uns wie eine Landschaft, die ihr Wasser für einen Augenblick verloren hatte.
Steine, Kiesbänke und Uferlinien wurden sichtbar, die gewöhnlich unter seiner Oberfläche verborgen bleiben.
Niedrigwasser zur Zeit der Ritter
Pegelstände in Zentimetern existieren erst seit der Zeit systematischer Messungen.
Für das Mittelalter bleiben Chroniken und historische Berichte. Sie erzählen von ausbleibendem Regen, trockenen Brunnen, stillstehenden Mühlen und Flüssen, deren Wasser ungewöhnlich weit zurückwich.
Die Bundesanstalt für Gewässerkunde führt für den Rhein unter anderem die Jahre 1137 und 1358 als historische Niedrigwasserereignisse auf. Exakte Werte lassen sich daraus nicht ableiten – doch beide Jahre liegen mitten in jener Epoche, in der Ritter, Burgen und Pferde das Bild dieser Landschaft prägten.
Besonders eindrücklich ist das Jahr 1540.
Zeitgenössische Quellen aus den Niederlanden berichten von einem außergewöhnlich heißen und trockenen Sommer. Große Flüsse wie Maas, Schelde und Rhein führten so wenig Wasser, dass Menschen sie an geeigneten Stellen mit „trockenen Füßen“ überqueren konnten.
An diesem Tag brauchte ich keine erfundene Rittergeschichte.
Die Burgen standen über uns.
Der Rhein zeigte unter uns ein Flussbett, wie es schon Menschen vergangener Jahrhunderte bei außergewöhnlichem Niedrigwasser gesehen haben könnten.
Und zwischen beidem fuhren wir auf hundert Pferdestärken durch das Tal.
Vom Rhein an die Mosel
Später verließen wir den Rhein und wechselten über die Höhen hinüber zur Mosel.
Die Landschaft veränderte sich.
Der Fluss wurde schmaler, die Schleifen weiter, die Weinberge rückten näher an das Wasser.
Über Cochem erhob sich die Reichsburg.
Ihre Ursprünge reichen ungefähr bis in das Jahr 1000 zurück. Französische Truppen zerstörten sie 1689. Ab 1868 ließ der Berliner Industrielle Louis Ravené die Ruine wiederaufbauen. Deshalb ist die Burg heute zugleich ein mittelalterlicher Ort und ein Ausdruck der romantischen Vorstellung des 19. Jahrhunderts von einer Ritterburg.
Weiter ging es nach Beilstein.
Der kleine Ort lag dicht zwischen Mosel und Berghang. Über seinen Dächern erhob sich die Ruine der Burg Metternich.
Bereits 1268 sind dort Burgbesitzer urkundlich nachgewiesen. Auch diese Anlage wurde 1689 von französischen Truppen zerstört.
Direkt am Wasser, nahe der Fähre, fanden wir ein kleines Restaurant.
Dort endete unser gemeinsamer Ausritt.
Zwei Wege
Nach dem Mittagessen trennten sich unsere Wege.
Norbert fuhr zurück nach Bingen.
Ich setzte den Helm wieder auf, schloss das Visier und begann den Heimweg.
Doch statt den schnellen Weg zu wählen, führte ich die Maschine hinauf auf die Höhen und hinein in eine Landschaft aus schmalen Straßen, abgeernteten Feldern und kleinen Dörfern.
Der Asphalt wurde enger.Die Kurven wurden zahlreicher und die Sicht wurde weiter.
Die kleinen Straßen
Das Getreide war eingebracht.
Goldgelbe Felder lagen über den Hügeln. Dazwischen zogen sich Feldwege, schmale Straßen und Baumreihen durch die Landschaft.
Der Himmel war inzwischen tiefblau geworden.
Helle Wolken standen darüber, und das Licht zeichnete jede Welle im Land nach.
Genau für solche Wege war die Enduro gebaut.
Manchmal führte die Straße durch dichten Wald. Dann öffnete sie sich wieder über einem Tal, in dem sich ein Dorf zwischen Feldern und Weinbergen duckte.
Alte Häuser standen unmittelbar an der Fahrbahn. Mauern begrenzten die Kurven, Kirchtürme ragten über den Dächern auf, und für einige Kilometer schien die moderne Welt einfach zu verschwinden.
Diese Straßen verlangen Aufmerksamkeit.
Sie kosten Zeit und erlauben kaum Geschwindigkeit.
Doch genau darin liegt ihr Wert.
Die Autobahn bringt einen möglichst schnell an ein Ziel.
Die kleinen Straßen zeigen einem, wo man gewesen ist.
534,9 Kilometer
Kurz vor Speyer endete der ruhige Teil der Strecke.
Danach blieb für den letzten Abschnitt die Autobahn.
Der Verkehr wurde dichter, die Geschwindigkeit höher und das Erlebnis kleiner.
Als ich schließlich wieder zu Hause ankam, standen 534,9 Kilometer auf der Anzeige.
Eine Zahl, die viel verrät – und doch kaum etwas von dem erzählt, was zwischen Start und Ziel geschehen war.
Von einem Freund, den ich in den Pyrenäen kennengelernt hatte.
Von einem Kodex, der Motorradfahrer miteinander verbindet.
Von Burgen, alten Städten und einem Rhein auf historischem Tiefstand.
Von Waldwegen, goldenen Feldern und Dörfern, die sich zwischen den Hügeln versteckten.
Der Ausritt
Am Morgen hatte ich meine Rüstung angelegt.
Ich hatte das Visier geschlossen, hundert Pferde geweckt und mich auf den Weg gemacht.
Am Abend war ich nicht nur durch das Zabergäu, den Hunsrück, das Rheintal und die Mosellandschaft gefahren.
Ich war für einige Stunden aus der Gegenwart hinausgeritten.
Und es ist genau der Grund, warum ich die großen Straßen verlasse.
Weil das Ziel einer Reise nicht immer dort liegt, wo die Navigation endet.
Es liegt auf kleinen Wegen dazwischen.
Dort, wo die Geschwindigkeit sinkt.
Und die Geschichte beginnt.




















