Vierzehn Tage Ayurveda in Kerala. Im Resort lerne ich, einen ungewohnten Tagesrhythmus anzunehmen. Wenige Schritte weiter ziehen Fischer ihre Netze an Land. Zwei Erfahrungen, die meinen Blick auf diese Reise verändern.
Text und Fotografie: Gordon Below · Indien Jones
Das Meer war zuerst nur ein Geräusch
In der ersten Nacht ist das Meer unsichtbar. Sein Rauschen liegt über der Klimaanlage, dem Ventilator und den wenigen Stunden Schlaf nach der späten Ankunft. Es klingt wie ein Sturm. Erst am Morgen bekommt das Geräusch ein Bild: große Wellen, weiße Gischt, ein weiter Strand. Salz und Feuchtigkeit liegen in der warmen Luft.
Für mich ist das kein bedrohlicher Empfang. Es ist Ankommen.
Ich bin nach Kerala gereist, um Ayurveda selbst kennenzulernen. Nicht erschöpft und nicht auf der Suche nach einer Reparatur. Ich bringe Energie und Neugier mit. Die Begegnung mit Martine Schnitzer auf der CMT in Stuttgart hat diese Reise angestoßen. Uns verbindet die Liebe zu Indien und das Interesse daran, ein Land auch über seine Lebensweisen zu verstehen.
Meine Unterkunft für die zwei Wochen ist das Soma Manaltheeram Ayurveda Beach Village. Bald gibt es einen festen Ablauf: früh aufstehen, Meditation, Frühstück, Yoga, Anwendungen, Ruhe, Essen. Am Nachmittag bin ich mit der Kamera unterwegs. Abends werde ich früh müde.
Normalerweise mag ich spontane Tage. Hier überrascht mich, wie entlastend die Wiederholung sein kann. Ich muss nicht ständig entscheiden, was als Nächstes kommt.
Vier Hände und ein anderer Takt
Bei einer der Anwendungen sitze ich zunächst auf einem Schemel vor der hölzernen Behandlungsliege. Vier Hände arbeiten an meinem Oberkörper. Später liege ich auf der Bank. Die Bewegungen sind kräftig und aufeinander abgestimmt.
Meine Therapeuten Unni und Manu geben mir von Anfang an ein gutes Gefühl. Das Umsorgtwerden ist ungewohnt: Ich bin eher jemand, der gibt, als jemand, der Berührung sucht. Jetzt kann ich die Augen schließen und etwas annehmen.
„Genieße. Nimm es an.“ Mehr brauche ich in diesem Moment nicht.
Später läuft warmes Öl aus kleinen Kännchen über meinen Körper. Aus den einzelnen Güssen wird in meiner Wahrnehmung ein Wasserfall. Wärme, Wiederholung und Ruhe. Das Grinsen ist breiter als die Bank.
Auch danach endet die Anwendung nicht abrupt. Öl abstreifen, eine Packung, Bademantel, Kokosnuss, Terrasse. Der Weg zurück in den Tag bleibt langsam.
Am Strand beginnt die zweite Geschichte
Schon am ersten Tag sehe ich vom erhöhten Restaurant aus Fischerboote und Männer, die an langen Leinen ziehen. Menschen, Bewegung, wiederkehrende Handgriffe: Das zieht mich als Fotograf an.
Am Strand erkenne ich zwei Gruppen. Ein Boot hat das Netz in einem weiten Bogen vor der Küste ausgelegt. Nun holen die Männer es gemeinsam ein.
Greifen. Ein paar Schritte zurück. Die Leine ablegen. Wieder nach vorn. Neu greifen.
Die Kamera ist dabei, wie ein dritter Arm. Meist hängt sie zunächst hinter meinem Körper. Ich möchte erst verstehen, bevor ich mit Bildern nach Hause gehe.
Fast eine Stunde kann vergehen, bis das Netz die Brandung erreicht. Einige Männer stehen im Wasser, andere arbeiten vom Strand aus. Nach und nach rücken die Gruppen näher zusammen. Dann werden die nassen Maschen sichtbar.
Was im Netz bleibt
An einem Morgen bleiben nach dem Aussortieren der Quallen nur wenige Fische in einigen Eimern.
Die Männer stehen um das Netz. Einer trägt ein Kreuz um den Hals. Ich schaue in ihre Gesichter und empfinde Traurigkeit, vor allem aber Respekt. Ich weiß nicht, was jeder von ihnen denkt. Was ich in dieser Szene sehe, ist Beharrlichkeit: Am nächsten Morgen werden sie wiederkommen, ohne zu wissen, was dann im Netz liegen wird.
In den vierzehn Tagen erlebe ich bessere und schlechtere Fänge. Der eine schwache Morgen erzählt deshalb nicht die ganze Geschichte der Fischerei. Er bleibt mir trotzdem besonders im Gedächtnis.
Wenn bei mir etwas nicht richtig läuft, denke ich seitdem an diese Männer. Vielleicht ist am nächsten Tag der Fang ein wenig größer.
Silu und der Blick über den eigenen Aufenthalt hinaus
Am zweiten Tag begegnet mir Silu mit seinem Kajak in den Wellen. Später kommen wir ins Gespräch. Er erklärt mir die Abläufe am Strand und erzählt von seinem Wunsch, eine kleine Surfschule aufzubauen. Er berichtet auch, dass er Kindern aus Fischerfamilien Schwimmen beibringt und mit jungen Menschen Müll am Strand sammelt.
Es sind seine Geschichten und seine Pläne. Für mich machen sie aus dem Strand mehr als einen schönen Ausblick. Hier leben Menschen, deren Alltag weitergeht, wenn mein Aufenthalt endet.
Das ist der Punkt, an dem sich die beiden Seiten dieser Reise verbinden. Im Resort lerne ich, genauer in meinen Körper hineinzuspüren. Draußen lerne ich, länger bei einer Szene zu bleiben. Nicht sofort einzuordnen. Noch einmal hinzusehen.
Was ich mit nach Hause nehme
Die Rückreise dauert mit Verspätung und verpasstem Anschluss mehr als vierundzwanzig Stunden. Die unmittelbare Entspannung ist danach erst einmal überlagert. Die Energie bleibt: Am folgenden Wochenende fotografiere ich zwei Hochzeiten und fühle mich wach und belastbar.
Auch das Essen wirkt nach. Zu Hause könnte ich wieder Fleisch essen oder Alkohol trinken. Beides fehlt mir zunächst nicht. Für mich fühlt sich das weniger nach Disziplin an als nach einer neuen Wahlfreiheit.
Das ist mein persönliches Erleben, kein Versprechen darüber, was eine Ayurveda-Kur bei anderen bewirkt.
Nach Kerala bin ich aus Neugier gefahren. Zurückgekommen bin ich mit einer neuen Erfahrung von Berührung und Tagesrhythmen – und mit Bildern von Menschen, die jeden Morgen wieder an ihren Leinen ziehen.
Das Meer verbindet beides. Sein Rauschen begleitet die Ruhe auf der Terrasse ebenso wie die Arbeit am Netz.
Eigene Indienreise besprechen
Sie möchten Indien mit Zeit für Begegnungen und Fotografie kennenlernen? Erzählen Sie mir von Ihren Vorstellungen. Wir besprechen persönlich, welche Reise zu Ihnen passen könnte.
Indienreise unverbindlich anfragen





